

Mein Name ist Annemarie Wollner...und ich kam in einer bitterkalten Februarnacht im Jahr 1952 in Voerde am Niederrhein kurz vor 24 Uhr zur Welt.
Meinen Nachnamen änderte ich im laufe meines Lebens.
Mein dritter Ehemann ist gerade gestorben und ich erlebe eine Zeit der Trauer die ich so noch nie kennen gelernt habe.
Die Einsamkeit beim Frühstück.
Gerade diese Zeit haben wir zusammen sehr genossen.
Die Einsamkeit beim durchschreiten der Räume die ich alleine eingerichtet habe, da mein Mann sehr viel im Krankenhaus lag. Wir sind gerade umgezogen , damit mein Mann den Genuss einer bodengleichen Dusche bei seinem Krankheitsbild genießen konnte.
Die Jahrelange Pflege, das er nicht wissen wollte wie krank er ist. Verdränungungen waren an der Tagesordnung.
Immer aufzustehen mit dem Gedanken ab heute wird es besser.
Der Rückschlag, der ihm die Augen öffnete und mir das Sehen auf dem linken Augen nahm.
Die Erlösung, endlich sein Wunsch wurde erhört er kam im August 2026 in ein Hospiz.
Die Freude endlich können wir beide in diesem freundlichen Haus zusammen noch unsere Liebe feiern. Sich in leisen wertschätzenden Gesprächen verbinden.
Der Schock!
2 Tage lebte mein Mann in diesem Hospiz, dann machte er sich auf seine letzte Reise.
Sein letzter Wunsch:
Lass mein Sterben dein Gewinn sein. Leben dein Leben fortan etwas bewusster. Es wird schöner, reifer und tiefer,inniger und freudiger sein, als es zuvor war, vor meiner letzten Stunde.
Wie kann mein Leben schöner reifer und inniger sein, wenn ich aufpassen mus der Katze nicht auf den Schwanz zu treten weil ich doppelt sehe, nicht zu fallen, nicht vor die Wand zu laufen, beim Kochen die Gewürze nicht vertausche und nicht klar sehen kann.
Die Angst einen Schlaganfall im Auge erlitten zu haben. Untersuchungen gehen weiter. Ich fühle mich so allein gelassen. Mein Mann hatte immer so beruhigende Worte.
Er hat mir immer Mut zugesprochen wenn ich vor einer OP stand. Seine lieben Worte hatten mir immer die Kraft gegeben.
Ja ich klage an.
Ich bin ein Klageweib, weil mein Mann gestorben ist. Das ist meine Trauer.
Eine Trauer die mir den Atem raubt, der Tränenfluss mir die Augen austrocknet,Schlafstörungen sind an der Tagesordnung und die Muskeln versteifen lässt, weil man sich verkrampft.Eine Trauer die mich nicht richtig sehen lässt.
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Vor drei Tagen hatte ich das Gefühl ich kann besser sehen.Immer mehr spüre ich die Wahrheit in dem Satz:Lass mein Sterben dein Gewinn sein.
Vor drei Tagen hatte ich das starke Gefühl meine Geschichte aufzuschreiben. Für mich und wer möchte auch für andere.
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Mein Leben begann in einem Wohnort den ich nicht preisgeben wollte, vor Scham.
Heute nennt sich dieser Ort: Wir Kinder vom Buschmannshof.
Wir waren alles Flüchtlingskinder von Geflüchteten und lebten in aufgeteilt 25 Wohnblöcken, in diesen Wohnblöcken befanden sich noch Zwangsarbeiterfrauen mit ihren Kindern.
Diese Wohnblöcke waren einstöckig, die Fußböden aus Beton. Es fehlten zum größten Teil Fenster und Türen.
Aber hatten meine Eltern eine Wahl.Die Heimat und das Leben dort wurde nicht vergessen, aber bei vielen richtete sich der Blick auf die Zukunft, auf Fleiß und durch Arbeit eine neue Existenz aufzubauen.
Meine Erinnerung das wir beschimpft wurden,kommt auch heute nicht im Jahr 2026 in mir hoch. Aber die Krickerhauer waren nicht so sehr willkommen. Schimpfwörter wie Polacken oder Knoblauchfresser waren wohl an der Tagesordnung.
Meine Mutter war eine geborene Windisch und viele Krickerhauer Familien besaßen einen Vorteil.Es gelang ihnen sich in Gruppen anzusiedeln und so war bei vielen der Neuanfang weniger schmerzhaft.
Das Gefühl des Verlustes der eigenen Wurzeln hatte bei meiner Mutter ein unbeschreibliches Heimweh erzeugt.
Ich kannte meine Mutter entweder sehr schwer arbeitend oder weinend in irgendeiner Ecke,oder bei Gartenarbeiten oder Hausarbeiten.
Die Tränen meiner Mutter begleiteten mich bis zu Ihrem Lebensende.
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So fängt meine Geschichte an: Die Tränen meiner Mutter.
Ich versinke in die Biografie meiner Eltern, meiner Schwester und das Leben im Buschmannshof in Voerde am Niederrhein und in mein bisheriges Leben.
Ich nehme mir die Zeit.
Rückblick!
Wir Kinder vom Buschmannshof hatten eine Kindheit die es so ein zweites mal nicht gibt. Wir waren frei. Frau von Handys. Frau von übereifrigen Helikopter-Müttern die unsere Selbstständigkeit untergruben. Wir hatten Platz um unseren Spieltrieb auszuleben.Wir kannten noch Winter mit Eisblumen an den Fenstern und Eiszapfen an den Dächern. Wir hatten in der Schule Sport und jeden Freitag schwimmen. Wir hatten Kochtunterricht. Wir hatten Lehrer die uns förderten, aber auch Lehrer mit der schnellen harten Hand. Wir hatten Platz um uns auszutoben. Kletterten auf Bäume und auf Dächer. Wir probierten uns aus.
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Lebensstufen....
Das erste mal in Berlin war eine Nacht und Nebelaktion mit meinem ersten Ehemann.
Er hatte sich bei einem Motorradtreffen in eine Berliner Lehrerin mit roten Haaren verliebt.Bei seinem ersten Besuch in Berlin mit Motorrad, es stand noch die Mauer und diese Lehrerin wohnte in Berlin Kreuzberg, hatte sein Motorrad den Geist in Berlin aufgegeben.
Wir haben dann gemeinsam mit dem Auto und Anhänger das Motorrad in den Westen gebracht. Berlin habe ich damals von seiner schäbigsten Seite kennen gelernt.
Mit der roten Lehrerin wurde nichts, sie war ihm doch nicht schön genug.Und das Leben in Kreuzberg war so gar nicht sein Dingen. Er hatte schon damals einen sehr guten Geschmack bezüglich von Wohnungseinrichtungen.
Meine Trennungsgedanken wurden immer akuter. Denn meine erster Mann hatte so wunderbare Mickymausaugen, die jede Frau quasi um den Verstand brachten.
Es war nicht das erste mal das er immer wieder aus unserem gemeinsamen Nest ausflog um eine bessere, schönere größere Liebe zu finden.
Das zweite mal in Berlin war ich mit einem anderen Mann, der auf Messen stand, da sein Geld verdiente, aber nie Geld hatte und trotzdem als Großkotz auftrat und es einige Träumer ihm abnahmen.Er kannte die besten Restaurants und hatte ein Händchen fürs süße Leben. Er wollte mich heiraten, aber ich hatte den Braten schon gerochen und trennte mich von ihm. Das hat er gar nicht vertragen und überzog mich mit Verwünschungen und Anzeigen.
Das war nicht lustig. Berlin war mittlerweile wie ein rotes Tuch für mich. Bloß weg hier von den häßlichen Hochhäusern und den lauten Menschen.
Das dritte mal in Berlin traf ich auf meinem Ehemann Nummer 3.
Meine Mutter war schon zu diesem Zeitpunkt fast 30 Jahre tot.
Ihre Mutter hatte sie nie kennen gelernt, meine Großmutter starb als meine Mutter 1 Jahr alt war.Das Leben meiner Mutter war mit viel Arbeit verbunden. Sie arbeitete auf dem elterlichen landwirtschaftlichen Hof in Krickerhau. Eine deutsche Siedlung in der Slowakei.Ihr Wunsch später Nonne zu werden, hat sich nicht erfüllt, sie traf meinen Vater, ein großer schöner Mann, Musiker, Lebenskünstler und Witwer mit 2 kleinen Kindern.
Meine Schwester wäre am 6. Februar 2026, 80 Jahre alt geworden. Sie hat es leider nicht geschafft. Ein schwerer Schlaganfall hat sie wortwörtlich niedergestreckt.Auf der Suche nach Heilung hat sie viele Rückschläge erleiden müssen. Letztendlich hat sie sich für das sterben entschieden.Ihr Blick hat Bände gesprochen. Lasst mich gehen, dieses Leben ist nicht mehr lebenswert.Sie hatte sich entschieden ihren Sterbeprozess nicht künstlich zu verlängern.
Unsere Gespräche meistens am Telefon und meistens Sonntags waren nie lange, aber dafür besonders liebevoll erheiternd und so wertvoll. Diese Gespräche vermisse ich am meisten.
Vor kurzem habe ich mit einer alten Freundin,wir kennen uns jetzt 20 Jahre, darüber gesprochen wie wir unser Alter zufriedener machen können.Mut zum Lebenswandel.
Beide sind wir 74 geworden.
Erinnerungen an eine Liebesinsel.
Werder an der Havel. Diese Insel war mal meine Liebesinsel. Als mein Mann noch gut im Schuh stand, fest im Sattel und wir uns gemeinsam an den vielen schönen Dingen und Orte in Brandenburg erfreuen konnten,hatten wir das Hotel Prinz Heinrich an der Havel entdeckt. Das ist jetzt über 20 Jahre her. Die schöne Frau Gast hatte gerade eröffnet und wir fühlten uns geborgen in diesem kleinen feinen Hotel.
Leben ist Wandel, die schöne Frau Gast ist nicht mehr Inhaberin des Hotel Prinz Heinrich, dafür ist Herr Scheibe jetzt der Herbergsvater.Der Frühstücksraum verwandelt sich abends in ein Restaurant welches sich mit den Jahren einen Stern erkocht hat. Herr Hübner Chefkoch war vor Jahren Koch im Bayrischen Haus in Potsdam und wurde sicherlich durch Herrn Dressel gut in die Sterneküche eingeführt.Die Alte Überfahrt ist nichts für Menschen mit kleinem Geldbeutel,obwohl die Küche ist einen Besuch wert. Am Anfang ihrer Karierre durfte ich einen Kochkurs bei Herrn Hübner und Herrn Schwatke besuchen. Kochkurse werden schon lange nicht mehr angeboten, dafür ist die Küche auch viel zu klein. Doch Werder an der Havel bietet mehr als nur ein Restaurant.
In Gedanken reise ich weiter nach Caputh. Schloss Petzow ist ein Gartenjuwel und bietet für jedes Gartenherz das richtige Obst und Gemüse.Eine Gartenidylle am Ufer des Schwielowsees. Regelmäßig werden Botanische Führungen im Schlossgarten angeboten.
Meine Gedanken schweifen ab, ich erinnere mich mit einem schmunzeln an unserem ersten Besuch im Hotel am Schwielowsee. Welches jetzt den Namen Precise Resort trägt.
2007 wurde es im Stil von Key- West durch den Hotelier Herrn Hilpert eröffnet. Viele Würdenträger kamen und gingen. Mein Mann und ich hatten uns einen Tisch reservieren lassen in diesem damals besagten Hotel. Das Essen war grotten schlecht und mein Mann hatte nachdem wir wieder zuhause waren Bauchschmerzen und Durchfall. Die gebratene Leberwurst war wohl schon in einem Alter, wo man Schimmel ansetzt.
Da war uns nicht nach lachen zu mute. Aber das ist Schnee von gestern und hatte keine Spätfolgen.
Wir Kinder vom Buschmannshof! Voerde am Niederrhein...
Meinen Flüchtlingsausweis habe ich verloren. Tatsächlich hatte ich einen Flüchtlingsausweis, obwohl ich nicht wie meine Eltern geflüchtet bin
Ja ich hatte einen Flüchtlingsausweis, weil ich ein Kind von Flüchtlingen war.
Ich denke über meine Spätfolgen nach....Erbauend oder sehr nachdenklich mit Schmerz und auch Trauer und einer guten Prise Humor.
Es ist von allem etwas dabei.
Mein Leben kann man lesen wie eine Menükarte. Vorspeise, Hauptgang und jetzt Nachspeise.
Spätgebärende!
Meine Mutter war schon fast 40 als ich zur Welt kam. Das war in einem Schaltjahr, ihr habe ich es zu verdanken das ich nicht alle 4 Jahre Geburtstag habe. Sie hatte Gas gegeben und ich wurde kurz vor 24 Uhr geboren. Die Hebamme hatte ihr wohl gut geredet auch ihr verdanke ich meinen Vornamen Annemarie. Eigentlich sollte ich auf Wunsch meiner Mutter Anna heißen. Heute ist der Vorname Anna nicht mehr so hart in der Aussprache.




